SPORT AUTO, 01.10.1991

ALAIN PROST: Prost Scriptum (7)


Die Formel 1 produziert ständig Schlagzeilen. Alain Prost blickt für sport auto hinter die Kulissen, kommentiert, kritisiert und denkt über sein Metier nach. Der Franzose sagt in sport auto, was Sache ist. Er meint...

... zu den Problemen mit dem Ferrari-Motor:
Der Motor selbst ist eigentlich gut und auch zuverlässig. Die Probleme traten meistens in der Peripherie auf. In Ungarn haben weggebrochene Teile der Kupplung den Íltank durchschlagen. In Belgien ist eine Benzinleitung gebrochen. Von der Leistung her sind wir Renault und Honda unterlegen, speziell im Qualifikationstraining. Das liegt wahrscheinlich am Benzin, denn Renault und Honda können im Training mehr Leistung zulegen als wir. Was wir noch nicht ganz verstehen, ist, warum die Motoren im Rennen mit zunehmender Laufzeit abbauen. Möglicherweise hat das mit der unzureichenden Kühlung zu tun. Wir können jedenfalls im Auto nicht die Leistungswerte reproduzieren, die wir normalerweise am Prüfstand sehen.

... zu den Spekulationen, daß Alain Prost mit Ligier ein französisches Nationalteam aufbaut:
Zunächst einmal habe ich mich selbst nie ins Gespräch gebracht. Das Ganze war ein Wunschtraum von der französischen Presse und von Guy Ligier. In Spa haben Ligier und ich dann zum ersten Mal konkreter über dieses Thema gesprochen. Das muß aber noch nichts bedeuten. Wer mich kennt, weiß, daß ich nach meiner Karriere schon immer das Ziel hatte, ein eigenes Formel 1-Team zu führen. Wie meine Zukunft genau aussehen wird, entscheide ich nach dem GP von Spanien.

... dazu, was nötig wäre, um aus Ligier ein Topteam zu formen:
Es wird auf jeden Fall drei Jahre dauern. Mit Renault hat Ligier schon mal einen guten Motor. Sie haben auch gute Designer, aber das Ingenieurbüro müßte mit weiteren Konstrukteuren verstärkt werden. Was bei Ligier noch fehlt: eine straffe Organisation, Disziplin, die richtige Arbeitseinstellung und Geld. Um gegen McLaren, Ferrari oder Williams anzutreten, muß man pro Saison wenigstens 70 Millionen Dollar investieren. Das hört sich übertrieben an, ist aber unbedingt notwendig, um langfristige Entwicklungen zu finanzieren. Die meisten in der Formel 1 kapieren nicht, daß man seiner Zeit immer um ein paar Jahre voraus sein muß. Ein weiteres Problem in Frankreich ist die fehlende Infrastruktur. Es gibt dort keine Rennwagenindustrie wie in England. Deshalb wird das Ligier-Projekt teuer und braucht seine Zeit.

... über den Fall Gachot:
Das gibt mir sehr viel zu denken, weil mir so etwas auch sehr leicht passieren könnte. Das Urteil gegen Gachot ist lächerlich im Vergleich zu Leuten, die viel mehr ausgefressen haben, aber praktisch ungeschoren davonkommen. Die Justiz mißt in einigen Ländern offenbar mit zweierlei Maß. Das riecht verdächtig nach Willkür.

... über unseriöse Formel 1-Geldgeber wie Joachim Lüthi, Jean-Pierre van Rossem und jetzt noch Akira Akagi:
Sicher sind diese Leute nicht gerade ein Aushängeschild für die Formel 1. Man kann das aber nicht bedingungslos kritisieren, weil die Formel 1 zunächst froh sein konnte, daß es Leute gab, die viel Geld in den Sport investiert haben. Ein kleines Team, das plötzlich die Chance hat, ans große Geld zu gelangen, forscht natürlich nicht nach, woher das Geld der Akagis kommt.

... über die finanziellen Probleme vieler Formel 1-Teams:
Ich war immer etwas pessimistisch, was die Zukunft der Formel 1 angeht. Der Idealfall wäre, wenn das Feld hauptsächlich aus großen Herstellern bestehen würde. Auf der anderen Seite können wir die kleinen Teams nicht ganz verdrängen. Sie haben in der Vergangenheit das Feld aufgefüllt, und jeder war froh darum. Leider benachteiligt das Reglement die Kleinen. Dinge wie Qualifikations-Benzin treiben die Kosten in die Höhe und lassen den Unterschied zwischen den guten und den schlechten Teams noch größer werden. Da muß man sich nicht wundern, wenn unseriöse Geldgeber in der Formel 1 leicht Fuß fassen.

... zu der Einführung von Einheitssprit 1993:
Zunächst einmal verstehe ich nicht, warum man das nicht schon im nächsten Jahr einführen kann. Prinzipiell ist das eine gute Idee, und ich bin zu 70 Prozent dafür. Wenn man mit Qualifikationsbenzin bis zu 30 PS gewinnt, wird irgendwie die Arbeit der Motoren- und Chassisingenieure entwertet. Die machen Kopfstände, um ein paar Zehntelsekunden im Auto oder Motor zu finden. Eine Einheitsformel widerspricht andererseits der Philosophie der Formel 1. Es sollte ein möglichst freier Wettbewerb sein. Das ist auch für die beteiligten Firmen interessanter. Sie nutzen den Wettbewerb zu Publicity-Zwecken und zur Motivation ihrer Mitarbeiter.

... zu der Schumacher/Moreno-Affäre:
Ich bin der gleichen Meinung wie Senna. Es geht nicht, einem Fahrer ein paar Tage vor einem Grand Prix zu kündigen. Das hat keinen Stil. Im Reglement steht, daß man nur im Fall höherer Gewalt einen Fahrer auswechseln darf. Diese Regel wird inzwischen mit den Füßen getreten. Auch wenn der Deal für Schumacher positiv war, sollten wir Fahrer solche Praktiken nicht akzeptieren. Das wird sonst ein Präzedenzfall. Williams könnte zum Beispiel in den letzten zwei Rennen, wenn sie mit einem der Fahrer nicht zufrieden wären, Senna oder mich engagieren, nur um sich noch die Konstrukteurs-WM zu sichern. Das würde ein fürchterliches Durcheinander geben.

... dazu, wie er im Fall von Mercedes entscheiden würde: Formel 1 ja oder nein:
Eine sehr schwere Entscheidung. Zu 50 Prozent würde ich nein sagen. Mercedes hat schon Probleme in der Sportwagen-WM, und die Formel 1 ist bestimmt nicht einfacher. Die Formel 1 kostet noch mehr Geld. Man riskiert sein Image, und das Image von Mercedes ist so gut, daß sie eigentlich nur verlieren können. Nicht einmal eine Firma wie Mercedes könnte heute Formel 1-Siege garantieren. Speziell gegen die Japaner sehe ich da ein Problem. Die sind bereit, jede Summe in den Sport zu investieren, sie arbeiten härter und können im Ernstfall die halbe Firma mobilisieren. Mercedes müßte praktisch mit doppelt soviel Geld und Leuten antreten, um den Erfolg sicherzustellen. Zu 50 Prozent würde ich einem Formel 1-Engagement aber auch zustimmen. Ich glaube, daß in Zukunft Präsenz auf der Rennstrecke ein wichtiger Imagefaktor sein wird. Wer nicht in der Formel 1 mitfährt, riskiert den Vorwurf, sich vor der Herausforderung zu drücken. Wenn ich jetzt also eine Entscheidung treffen müßte, würde ich mich mit 51:49 für Mercedes in der Formel 1 aussprechen.

... Was denken Sie über das Desaster von Porsche?
Es ist schade für eine Marke wie Porsche. Schwer zu sagen, wer schuld hat: der Motor oder das Auto? Sicher war der Motor nicht gerade zuverlässig. Ich fürchte, Porsche hat die Fortschritte seit dem Ausstieg 1987 unterschätzt. Schon damals war Porsche auf dem absteigenden Ast. Wir hatten gegen die Honda-Motoren keine Chance. Jetzt habe ich das Gefühl, daß einige Leute bei Porsche nicht einsehen wollten, daß das Triebwerk 30 Kilogramm zu schwer und 40 PS zu schwach ist. Diese Art von Selbstzufriedenheit ist eigentlich nicht typisch deutsch, eher schon französisch oder italienisch. Die beruhigen sich immer selbst, daß, was man hat, gut ist. In der Formel 1 muß man aber immer Pessimist sein. Nur das motiviert, noch härter zu arbeiten. Ich hoffe, Porsche schafft die Kurve noch. Sie haben es verdient, weil sie viel zum Wohl dieses Sports beigetragen haben.



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